Wenn mein Nachbar Krach macht…

19. Juni 2022by Irmhild0

… dann kann ich mich einfach nicht so gut konzentrieren.

Meine Güte, ich mache schon alles mögliche, um gut zu lernen. ich setze Karteikarten ein, ich mache mir große Lernplakate, meine Tapete ist gar nicht mehr zu sehen, so voll tapeziert hab ich mein Zimmer. Den Lerntext höre ich mir am Liebsten von meinem Handy an, nachdem ich es vorher aufgesprochen habe. Eselsbrücken mag ich besonders gerne und auch Lernen mit Bewegung ist meins.

Aber wenn mein Nachbar draußen auf dem Hof sein Ding macht, dann geht nix.

Franziska ist Auszubildende an der PTA Schule (Pharmatzeutisch technische Assistentin) und fühlt sich so richtig wohl in ihrem Thema Pharmazie aber seitdem der Nachbar dreimal die Woche für mehrere Stunden Krach macht, ist sie ziemlich genervt. Sie hat schon das Fenster geschlossen, die Jalousie herunter gelassen und trotzdem schallt die durchdringende Stimme des Nachbars so deutlich zu ihr durch, dass sie sich nicht gut konzentrieren kann. Sie kommt in die Lernberatung und fragt nach anderen Mögliclhkeiten um trotz Geräuschpegel lernen zu können.

– Jeder kann sich konzentrieren –

Als erstes frage ich sie, wie groß sie die Störung auf einer Skala von 1-10 empfindet. Sie gibt eine 8-9 an.

Dann bitte ich sie, die Situation zu beschreiben um die es ihr geht. Sie beschreibt, dass sie sich in ihrem Zimmer zum Lernen sehr wohl fühlt und deshalb auch nicht in eine Bibliothek gehen möchte. Auf meine Frage, ob sie eine ähnliche Situation kennt, in der sie sich aber gut konzentrieren konnte überlegt sie erst einmal lange. Spontan sag sie nein. Wir sprechen darüber, was sie früher in ihrer Freizeit alles gemacht hat und sie erzählt, dass sie bis zur 7. Klasse in einer Fußball Mannschaft war. Jedes Wochenende war ein Spiel und ihr fällt ein, dass sie bei diesen Spielen nach recht kurzer Zeit so richtig kokzentriert war und auch die Zuschauer auf der Tribüne komplett ausgeblendet hat. Egal wie laut sie gerufen haben. Sie hat sie gar nicht mehr wahrgenommen. Als sie davon erzählt, nimmt sie ihre Hände und beschreibt damit den Tunnelblick.

Diese Ressource kann sie heute wieder nutzen, weil sie das Gefühl, das dazu gehört immer noch abrufen kann. Sie versucht, sich die aktuelle Situation mit dem Nachbarn vorzustellen und wendet parallel dazu die Ressource vom Fußballspiel an. Ihre Konzentration verbessert sich deutlich und die Störung liegt jetzt nicht mehr bei 8-9 sondern zwischen 4-5. Ihr fällt auf, dass es aber schon auch mit der Person des Nachbarn zu tun hat. „Der nervt einfach!“
Ich frage sie, ob der Nachbar auch seine guten Seiten hat, sie überlegt kurz und sagt dann: „Eigentlich hat der einen guten Kern, der ist echt hilfsbereit.“ Ich frage Franziska, ob sie den Nachbarn in Gedanken irgendwie verkleiden kann und sie lacht spontan und sagt: „Ich zieh ihm eine blaue Latzhose an und stell ihn mir in freiem Oberkörper vor, das sieht lustig aus.“

Das Gehirn braucht Übung in neuen Dingen.

Deshalb notiert sie sich alle Schritte und stellt sich schon mal vor, wie es sein wird, wenn sie in der nächsten Lernzeit erstmal anders dran gehen will als bisher. Sie sucht sich noch zwei Fotos aus, aus der Fotokartei des Züricher Ressourcen Modells. Es sind zwei Bilder, die sie maximal mit Ruhe und Gelassenheit verbindet, fotografiert sie mit ihrem Handy ab und will sie nutzen, um sich an das Gefühl der Konzentration zu erinnern, das sie jetzt zum Lernen nutzen will. Auf meine Frage, ob es wohl Stolpersteine geben könnte, die sie an der Umsetzung der neuen Strategie hindern könnten überlegt sie und verneint.

4 Wochen später bekomm ich eine mail und sie schreibt, dass sie zu Beginn Pobleme damit hatte, in den Tunnelblick zu kommen, aber sie ist dann einfach drangeblieben und hat immer wieder versucht und dann auch gemerkt, dass ihr der Nachbar in der blauen Latzhose egal war.

 

 

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